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Liebe Leser,

das folgende Märchen ist kein Fantasy-Märchen, sondern ein Fundstück. Die zugrundeliegende Begebenheit steht in der wahren Geschichte der Louise de La Vallière geschrieben, die nicht 1710 in einem Kloster verstarb, sondern unter dramatischen Umständen im Jahre 1714. Das Lesen zwischen den Zeilen möchte ich im Augenblick noch Ihnen überlassen.

An einem Ort wo der Fluss ins Meer strömt, dort, wo die Sonne das Wasser gülden und lichtdurchflutet macht, liegt das Schloss des mächtigen Meereskönigs. Er war gütig und weise, und seine Untertanen, aber auch die Fische und die Seepferdchen und das andere Meeresgetier liebten ihn ebenso wie seine zahlreiche Familie.
Der König der Meere wiederum liebte seine Königin sehr, denn sie war voller Liebe für ihn und alles, was ihn umgab, das Alter hatte weder ihre Schönheit noch ihre Klugheit getrübt, und er dankte noch immer jeden Tag dafür, dass er seine Frau vor vielen Jahrzehnten aus einer Gegend, die für die schönsten Gärten des Meeres bekannt ist, nach Hause in seinen Palast geführt hatte.
Nun verhielt es sich so, dass der König kein junger Mann mehr war und sich sehr darum sorgte, wer die Krone erbte, würde er dereinst in die Gezeiten einkehren.
Er hatte nämlich zahlreiche Söhne, die alle reich an Fähigkeiten waren, wollte sich aber versichern, dass der weiseste und für sein schweres Amt geeignetste unter ihnen ihm nachfolgen würde. Zudem sollte der Prinz, der seines Vaters Platz einnähme, reinen Herzens sein, denn ein reines Herz ist Bedingung für Güte, und diese sollte allen Herrschern gegeben sein.
So rief der König all seine Söhne zu sich und sprach zu ihnen in dieser Weise:
«Es ist an der Zeit, mes fils, dass ich mich auf das besinne, was nach mir sein wird. Um zu sehen, wer von euch die besten Eigenschaften mitbringt, um die Krone zu erlangen, stelle ich Euch allen die Aufgabe, die rosa Perle zu gewinnen. Jene Perle, so sagt man, liegt in den tiefsten Regionen des Meeres, dort, wo des Nachts nur die Mondfische leuchten. Von dieser bestimmten Perle gibt es nur eine einzige. Derjenige, der als erstes mit der rosa Perle in den Palast des Meeres zurückkehrt, der soll König unter dem Meer sein und mir folgen.»
Die Söhne machten sich also auf den Weg: Einer zu Seepferd, einer in Begleitung eines Delphins, wieder ein anderer gar in einem großen Schwarm silbriger Fische verborgen.
Der jüngste der Söhne war der kleine Wassermann. Eifrig wollte er loseilen und sein Seepferdchen satteln. Allein der König hielt ihn zurück. Der Jüngste war noch klein, und es schien, als sei ein solch unstetes Abenteurerleben nichts für einen zarten Knaben, der noch keine fünfmal die Wale hatte ziehen sehen.
Der kleine Wassermann wurde also in die Obhut seiner Erzieherin übergeben, einer sehr weisen und beherzten Sirene, die sich nicht scheute, ihren Schützling mit Klauen und Zähnen auch unter Einsatz des eigenen Lebens zu verteidigen.
Denn im Reich des Königs herrschte nicht nur Frieden: In einem Winkel hauste auch eine große Schar von Medusen, giftige Quallen mit langen Tentakeln, die auf nichts anderes als ihren Vorteil bedacht waren und sich den lieben langen Tag nichts taten als sich arglose Fischlein in die amorphen Leiber zu stopfen.
Deren Stolz war ebenso groß wie ihr Appetit. Denn vor einigen Jahrzehnten war es notwendig gewesen, dass der König des Meeres seinen Bruder mit einer Prinzessin aus dem Royaume des Ombres vermählen musste, um mit diesem Frieden zu schließen. Des Königs Bruder wurde wegen seiner zarten Gestalt le Prince des Écumes genannt, der Prinz des Meeresschaums. Als die Prinzessin aus dem Royaume des Ombres als dessen Gemahlin in den Palast des Meeres einzog, erkannte sie zu ihrem Unglück, dass Träume manchmal Schäume sind, und dass ihr der König des Meeres um einiges besser angestanden hätte. So begann sie, die Königin des Meeres zu hassen.
Die Königin sah die Schlangen, die auf deren Kopf zischten, sehr wohl und hütete sich vor ihr und ihren Kindern, denn obwohl der Prinz des Meeresschaums seine Gemahlin nicht liebte, hatte er doch Kinder mit ihr, insbesondere einen Sohn, der im Ganzen das Abbild seiner Mutter war.
So kam es, dass die Medusen fest davon überzeugt waren, man habe ihnen Unrecht getan, als man sie in ihre dunkle Höhle vertrieben hatte, denn sie waren nicht nur gegen die Königin und deren Kinder ungerecht, sondern sie hatten auch wahre Verheerungen unter den Untertanen angerichtet. Jetzt sahen sie die Zeit gekommen, Rache zu nehmen und den Thron an des Königs statt einzunehmen.
Sogleich machten sie sich daran, die Königssöhne aus dem Weg zu schaffen: Demjenigen, der das Seepferd ritt, spannte man ein Seil aus Seetang über den Pfad, so dass er, als er in wilden Ritt angestürmt kam, aus dem Sattel gerissen wurde. Das treue Tier kehrte um und trug seinen verletzten Reiter heim, wo er in den Armen seines Vaters verstarb.
Ein weiterer Sohn wurde in einem Sturm von seinem tapferen Delphin getrennt. Während er ihn zurück zu erlangen suchte, stachelten die Medusen eine Schar großer und scharfzahniger Haie an, sich des Prinzen anzunehmen. Als genau in dem Augenblick sein treuer Gefährte wieder hinzu schwamm, wurde er ebenfalls von den Haien zerrissen.
Als die Nachricht vom Tode der Prinzen den Palast erreichte, wurde der König gram vor Trauer. Seine Frau, die Königin des Meeres, trauerte ebenfalls um die hingegangenen Söhne. Doch erwachten in ihr leise Zweifel, ob da alles mit rechten Dingen zugegangen war. Sie begann zu grübeln und wurde bald gewahr, dass die Medusen dieser Tage allzu umtriebig waren. Die Königin beschwor ihren Ehemann, den jüngsten Sohn, den kleinen Wassermann, in Sicherheit zu bringen. Der wies die Sirene an, besonders wachsam zu sein, beließ es aber zunächst dabei.
Die Sorge die Königin war so groß, dass sie einen weiteren Sohn, dem man vor einigen Jahren die Krone des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, angeboten hatte, um Hilfe bat. Dieser machte sich, von den flehentlichen Zeilen seiner Mutter berührt, sogleich auf den Weg, doch da selbst Könige und Königinnen den Launen der Götter nicht gebieten können, war seine Reise voller Beschwerlichkeiten.
Gern wollte die Königin auch ihren dritten Sohn, der im Heringsschwarm verborgen reiste, in Sicherheit wissen. Die Königin selbst reiste also zum Graben der Mondfische und sprach zu diesen:
«Meine lieben Mondfische, die ihr selbst dort Licht spendet, wo sonst nur Dunkelheit herrscht, sagt, habt Ihr meinen Sohn gesehen?»
«Ja, Majesté, wir haben ihn gesehen.»
«Dann schickt ihn zurück zum Palast des Meeres, ich bitte Euch inständig.»
«Das können wir nicht mehr tun», antwortete der älteste der Mondfische, und vor Kummer leuchtete sein Licht gleich etwas weniger, « Euer Sohn hat den Graben bereits durchquert und ersehnt nichts mehr als die Perle, die er Euch zu Füßen legen kann.»
So blieb der Königin nichts, als voller Verzweiflung ihr Haupt zu verschleiern, um ihre Tränen zu verbergen, und zum Palast zurückzukehren, um den jüngsten Prinzen so gut es ging zu schützen. Keinen Augenblick zu früh: Als sie zurückkehrte, fand sie den kleinen Wassermann in großer Bedrängnis vor. Die Medusen hatten ihn bereits in ihren Fängen und schlugen mit ihren giftigen Tentakeln nach dem Jungen. Als die Königin sich vor ihn warf, traf es sie selbst, und sie starb unter den Augen ihres Gatten und ihres Sohnes an dem verheerenden Gift. Dem gerade eingetroffenen König des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, konnte man nur noch den Tod der Mutter mitteilen.
Der dritte Sohn aber, der mit Hilfe eines jungen Seesterns die rosa Perle gefunden hatte, kehrte in der Sekunde zurück und sah mit Entsetzen, was seiner Mutter geschehen war. In diesem Moment fasste er einen Entschluss: Nie wieder sollten seine Lieben um der Krone willen leiden. Er legte die rosa Perle dem kleinen Wassermann zu Flossen und schwor, ihn jederzeit, um ihrer Mutter willen, vor allen Gefahren zu schützen und die Medusen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.
Und so kam es, dass das Schicksal seine eigenen Wege ging und den vermeintlich noch zu jungen und schwachen kleinen Wassermann zum Thronfolger bestimmte.

Die Medusen nun waren aber voller Freude darüber, dass ihr Plan so gut gelungen war, und verbargen ihre Freude auch nicht.
« Da ist sie fort, die Königin, geht nun in die Gezeiten hin, so groß ist des Königs Schmerz, dass ihm auch bald bricht das Herz.», so klang ihr schauerlicher Chor. « denn nur ein verrückter König ist für unsere Pläne gnädig.»
Der König indes hatte seine Gattin in einen Sarg aus Glas legen lassen, und alles, was auf dem Meeresgrund leuchten kann, musste das Gemach, in dem der Sarg stand, erhellen. Der König aber, der den Plan der Medusen zu ahnen begann, saß Tag und Nacht bei ihr und schwor ihnen Rache.
In der dritten Nacht aber, als die Erschöpfung des Königs dazu geführt hatte, dass er kurz eingeschlafen war, erwachte er von einem Luftzug. Da diese auf dem Boden des Meeres selten sind, schrak er auf und sah im Licht der Laternenfische die Königin vor sich stehen.
Der König, der an Wunder glaubte, sprang voller Freude auf und wollte seine Frau in die Arme schließen, doch diese schüttelte nur traurig den Kopf.
«Ich ging in die Gezeiten hin,
doch, König, sieh genauer hin.
Gatte, den ich liebe wie einst mein Leben,
Wollt’ das meine nicht umsonst hingeben.
Komm zu mir, wenn du kennst den Plan,
Der mir hier das Leben nahm.»
Dann verschwand sie.
Der König war erschüttert, glaubte aber an einen Traum. Doch in der zweiten Nacht erschien seine Frau wieder an ihrem Sarg und sprach die gleichen Worte.
In der dritten Nacht nun rief der König des Meeres den Sohn zu sich, der die Perle gefunden hatte, und bat ihn, mit ihm zu wachen.
Dieser, der seine Mutter so sehr liebte, dass in der Nacht nach ihrem Tod sein Haar grau geworden war, versprach es.
In der Tat erschien die Königin wieder und sprach die bekannten Worte, fügte aber hinzu:
«Nicht Rache ist das Ziel im Leben,
Das Ziel ist vielmehr das Vergeben,
Wollt ihr mir einen letzten Wunsch erfüllen,
Versucht die Wahrheit zu enthüllen,
Geliebter Sohn, doch hüte dich
Vor der Medusen letzten Stich.
Und wenn euer Werk hier ist getan,
Dann kommt an meine Seite dann.»
Dann sagte sie ihnen beiden, wie sehr sie sie liebe und verschwand.
Nachdem der König und sein Sohn ihre Fassung wiedererlangt hatten, suchten sie den König des Reiches, in dem die Sonne niemals untergeht, in seinem Versteck, denn er reiste unerkannt, auf, und enthüllten ihm alles.

Louise Bourbon, 2017