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Achtung, bisschen provokativ.

Ihr Lieben,

In den letzten Tagen ging es auf Facebook hinsichtlich des Todes eines Politikers wieder hoch her. Ich nenne keine Namen, und meine politische Meinung verkneife ich mir auch, um eine Diskussion, die in meinen Augen zu nicht allzu viel führt, nicht wieder hochkochen zu lassen.
Aber eine Sache hat mich sehr beschäftigt: manche reagierten auch auf sachlich vorgebrachte Kritik, Polemik ist ja noch einmal eine andere Sache, mit dem oben genannten Satz in der deutschen Fassung: über Tote sollte man nur gut reden.
Beginnen wir zunächst mal bei den Anfängen: Der Originalsatz, De mortuis nihil nisi bonum, wurde erst im Mittelalter zu De mortuis nil nisi bene [dicendum est] – und sagt eigentlich genau das: Sage den Toten nichts Schlechtes nach. Das ist etwas anderes als: rede nur gut über sie. Schlussendlich ging es um zwei Dinge: zum einen darum, am Todestag selbst keine schlechten Worte zu verlieren, um die Trauer der Angehörigen zu respektieren. Zum Zweiten geht es darum, ihnen nicht nachträglich Schlechtes anzudichten, schlicht mit dem Hintergedanken, dass sie sich nun selbst nicht mehr verteidigen können.
Dem Gedanken folge ich. Er heißt aber nicht, dass man sich nicht mit sachlicher Kritik mit besagten Verstorbenen auseinandersetzen darf. Oder anders ausgedrückt: wir müssen nun nicht anfangen, alles schönzureden – manche Kommentare in Facebook hinterließen aber den Eindruck, dass genau das gewünscht wurde.
In einigen Überlieferungen der Renaissance, die diesen Satz wieder aufgegriffen hat, wird ihm eine zweite Bedeutung beigegeben:

Sage über die Toten nichts anderes als die Wahrheit.

Hier sind wir also wieder bei: Dichte ihnen nichts an. Es heißt nicht, dass man ihnen unkritisch begegnen muss.
Im Kontext der Facebook-Kommentare ist mir aber noch etwas weiteres durch den Kopf gegangen. Achtung, jetzt wirklich Provokation: ab wann darf man denn über Tote schlecht reden? Über kürzlich Verstorbene offensichtlich gar nicht, auch dann nicht, wenn ihre Verfehlungen nur allzu offensichtlich sind. Das gilt offenbar auch dann, wenn man denjenigen zumindest in der Weise erlebt hat, dass man Zeitzeuge ist. Kritisieren nach dem Tod? Ist nicht. Also, sehr auf die Spitze getrieben: lasst Euch über Trump aus, solange es noch geht, wenn er diese Welt verlassen hat, darf man über ihn nichts Schlechtes mehr reden.
Nun ja, wenn das so ist, könnte man jetzt anfangen, einen Haufen Bücher zu beerdigen. Über Marie Antoinette beispielsweise, die mir während des Schreibens sehr ans Herz gewachsen ist, gibt es eine Menge Bücher, in der nicht nur schlecht über sie geredet, sondern regelrecht gelogen wird. Das beginnt bei irgendwelchen Sätzen über Kuchen – die dann noch mit der Aussage verteidigt werden: es spiegelt ihre Haltung aber sehr gut wieder. Tut mir leid, da muss ich widersprechen.
Gleiches gilt auch für die Darstellung ihres Gatten, der es sich gefallen lassen muss, borniert und wenig weitsichtig genannt zu werden. In manchen Büchern wird ihnen selbst sein Freizeitinteresse, das Drechseln, vorgeworfen. Freizeit für einen König, also wirklich. Hätte der Mann sich doch besser mal bisschen mit Politik beschäftigt, dann hätte ihn auch diese Revolution nicht so überrascht. Ironie Ende.
Was man insbesondere während der Revolution und dem 19. Jahrhundert Louis XIV angedichtet hat, entbehrt zum Teil wirklich jeder Grundlage und geht auf keine Kuhhaut. Den ominöse Satz, der ihm immer zu Last gelegt wird, möchte ich gar nicht erst zitieren. Es gibt ganze Abhandlungen darüber, inwiefern ihn seine angeblich kleine Körpergröße beeinträchtigt haben könnte, während mittlerweile sogar die nicht sonderlich genaue Wikipedia ihm statt dem vielfach kolportierten 1,65 m nun doch Minimum 1,85 m einräumt – damit dürften sich dann auch diese « Analysen » erledigt haben.
Louise de La Vallière ist im besten Falle ein wenig naiv, im schlechtesten Falle blond, blöd, doof. Wenn das auf die Spitze getrieben wird, ist sie noch nicht einmal besonders hübsch (und ganz wichtig ist es, sich zwischen den Zeilen die Frage zu stellen, was der König eigentlich mit einer hässlichen Frau wollte – zum einen wird er sie sicherlich nicht hässlich gefunden haben, und zum zweiten war er vielleicht tatsächlich so originell, auch die inneren Werte mit einzubeziehen), « von mittlerer Intelligenz », katholisch bigott oder alternativ sexuell hörig. Das entspricht in keiner Weise dem Bild, das die Zeitgenossen von ihr gezeichnet haben – liest sich aber ein bisschen besser, und verkauft sich wahrscheinlich auch ein bisschen besser. Da es auch im 17. Jahrhundert schon Neid und Missgunst gab, ist es auch recht einfach, sich ausschließlich auf die Hinterlassenschaften ihrer Feindinnen zu konzentrieren, da wird man schon eine passende Beschreibung finden.
Was zeigt uns das? Liegt nur eine entsprechende Menge an Zeit zwischen Todesdatum und heute, darf man offensichtlich sehr wohl übel nachreden – bishin zu haarsträubenden Erfindungen. Schließlich verlangt eine Ideologie ja auch immer, dass man diejenigen, die sie vertreten, im schlechtesten Licht dastehen lässt, um eine andere zu etablieren. Da ist es plötzlich mit der Wahrheit nicht mehr so weit her, sie wird durch Ideologie ersetzt.
Dass insbesondere bei historischer Schreibung fehlende oder unvollständige Quellen problematisch sind, möchte ich hier nicht ausdehnen. Und auch Objektivität ist selbst in Sachbüchern schwierig, denn der, der schreibt, ist natürlich immer auch von seiner eigenen Haltung geprägt.
Nun denn, man erlaube mir, den Satz umzuformen:

Über die Toten sollte man nicht lügen.

Und das ist eine ganz andere Formulierung, die in meinen Augen den Sinngehalt des Satzes wesentlich besser trifft.