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Liebe Leser,

ich möchte den Beitrag zum heutigen Tag mit einem Zitat beginnen:

Le jour où la France coupa la tête à son Roy, elle commit un suicide.

Der Tag, an dem Frankreich seinem König den Kopf abschnitt, beging es Selbstmord.

Ernest Renan

Drastisch? Ja, das finde ich auch. Wer sich wirklich und ernsthaft mit den tatsächlichen Geschehnissen der französischen Revolution befasst hat, sieht, dass es hier nicht um Freiheit oder Gleichheit oder Brüderlichkeit ging. Es ging nicht um Menschenrechte oder um Repressalien des armen Volkes.

Tatsächlich ging es um eines: um Macht. Um Macht und darum, was passiert, wenn man mit geschickten Worten und erfundenen Geschichten die Angst von Menschen schürt. Und was passiert, wenn die Gewalt jede Menschlichkeit vergessen lässt.

Die folgende Geschichte schildert die letzten Stunden des hingemordeten Königs. Que Dieu soit avec lui. Um seiner zu gedenken, habe ich sie geschrieben. Und ich verneige mich mit Respekt vor einem Mann, der selbst in seinen letzten Stunden noch König war.

– Mon Dieu, glaubt man denn wirklich, ich sei feige genug, dass ich mir das Leben nehmen würde?
Fassungslos betrachtet der man das Tablett, auf dem ihm sein dîner gebracht wurde. Kein Messer, keine Gabel. Kein Respekt vor seinen Gebräuchen.
Unwillig schüttelt er den Kopf. In diesem dunklen Zeiten ist Respekt ohnehin etwas, das der Vergangenheit angehört.
– Als ob ich mich auf solch schändliche Weise meiner Hinrichtung entziehen würde.
Nach einem Augenblick des Schweigens setzt er hinzu:
– Ich sterbe ohne Schuld. Ich würde mir wünschen, dass mein Tod das Glück derjenigen verursacht, die diesen wollten, und dass mein Tod all das Unglück hinwegnimmt, dass ich vorher sehe, doch es fällt mir schwer daran zu glauben. Anarchie überall, und das wird nicht besser werden. Armes Frankreich.
Er senkt den Blick. Niemand soll seine Tränen sehen, die er jetzt, in den letzten Stunden seines irdischen Daseins, vergießt, aber nicht für sich selbst, sondern für sein Land. Erst recht sollen seine Bewacher nicht sehen, denn er wünscht ihnen weder die Freude über seine Tränen, noch denen, die Mitleid haben, die Strafe für dieses.
Die Minuten ziehen sich. Dann ist es endlich soweit. Ein letztes Mal darf er in die Augen seiner Frau, seiner Kinder sehen. Wieder dringend die Wasser in die seinen, doch er muss stark sein in diesem Augenblick. Die Blicke seiner Tochter und seines Sohnes erzählen bereits von den Dingen, die sie haben mitansehen, die sie haben erleben müssen. Beide haben viel zu alte Augen für Kinder ihres Alters.
Der Mann sieht seiner Schwester in die Augen.
– Kümmere du dich um unsere Kinder, denn meine Frau wird mir bald folgen.
Sie nickt, fähig, die stumme Botschaft zu verstehen, die er ihr geschickt hat. Bereits als Kinder haben sie sich so unterhalten, damals, als sie nicht ahnten, dass die Welt, in der sie aufgewachsen waren, einmal keinen Bestand mehr haben würde.
Sein Blick sucht den seiner Frau. Beide wissen, dass die Wachen durch ein Fenster vor der Tür zusehen, jede Geste, jedes Wort registrieren. Dennoch gelingt es ihnen, einander kurz verstohlen die Hand zu drücken. Ein letztes Zeichen einer Liebe, die bereits jetzt unter der Macht frevelnder Worte zertreten wird.
– Räche niemals meinen Tod, mein Sohn, wendet er sich an diesen, denn Gewalt zieht nur weitere Gewalt nach sich. Versprich es mir.
Und der Kleine, der sein eigenes Schicksal nicht kennt, erfüllt die letzte Bitte seines Vaters.
Da bröckelt die mühsam aufrecht erhaltene Fassung seiner Frau. Entgegen des Verbots sinkt sie in seine Arme.
– Noch einmal, bittet sie inständig, morgen Früh. Ein letztes Adieu.
Er nickt stumm Gewähr. Er weiß, dass sie sich bald wiedersehen werden.

Seine Nacht war kurz. Er hat wohl geruht, mit dem Gewissen eines Mannes, der sich nichts vorzuwerfen hat.
Gegen fünf Uhr weckt ihn sein Diener, einer der wenigen, die noch bei ihm geblieben sind. Für Cléry ist es selbst eine Gefahr.
Seine Lorgnette, seine Börse und seine Tabaksdose sind es, die er aus seine Rocktaschen zieht. Es sind seine letzten Besitztümer.
Cléry zieht die Augenbraue hoch, als sein Herr nach einer Rasur verlangt.
Dieser lächelt fast.
– Ich habe es immer so gehalten, sagt er, und ich werde dieses auch an meinem letzten Tag tun.
Dem getreuen steigen die Tränen in die Augen, doch er unterdrückt sie angesichts der Fassung seines Gegenüber.
– Nicht, sagt der Mann leise, keine Geste der Rührung. Zu gefährlich für Euch. Doch Ihr könnt um eine Schere bitten. Jemand muss mir die Haare schneiden.
Cléry zuckt zusammen, erbittet aber das Verlangte. Es wird ihnen verweigert.
Von draußen dringen die ersten Geräusche herein. Das Wiehern der Pferde. Das Donnern der Kanonen.
– Die Nationalgarde, sagt der Mann gefasst, man wird mich bald holen.
– Eure Familie… fragt Cléry.
– Nein. Holt sie nicht. Wir haben einander gestern Abend verabschiedet, und es wird kein Abschied für immer sein. Mich nun noch einmal zu sehen, wird ihnen schwerer fallen als mit der Erinnerung an gestern Abend zu leben. Ich versprach es, um ihnen die Nacht nicht schwerer zu machen. Gebt diesen meiner Frau. Ich verlasse sie unter großen Kummer.
Und er streift sich seinen Ehering vom Finger und drückt ihn Cléry in die Hand.
Nun ist alles erledigt. Sein Testament ist geschrieben, seine letzte Kommunion hat er genommen.

Sie führen ihn nach draußen. Kalt ist es, kalt genug, dass das Wasser gefriert, ein Sturm tobt seit der Nacht durch die Straßen von Paris. Gegen neun Uhr hat sich der Wind beruhigt, aber dafür hat sich ein dichter Nebel über der Stadt ausgebreitet. Man bietet Tausende von Mann unter den Waffen auf, um die Straßen zu säumen. Man rechnet mit Aufständen, es gibt Gerüchte über eine geplante Einführung.
Hunderte Gardisten, um den Karren zu begleiten. Einen Karren. Mehr hat man ihm auf seiner letzten Fahrt nicht zugestanden. Und um den Volk ein passendes Schauspiel zu bieten, hat man ihm auch seinen Rock, seinen pourpoint genommen. Im Hemd wird er durch die Straßen von Paris gefahren.
Eine seltsame Stelle liegt über der Stadt. Tausende von Menschen säumen die Straßen, aber sie sind still. Keine Rufe, kein Jubel wie sonst so häufig, wenn Verurteilte durch die Straßen der Hauptstadt gefahren werden.
Die Fahrt bis zur ehemaligen Place Louis XV dauert lange; das Gerücht um eine geplante Entführung bewahrheitete sich, sie konnte im letzten Augenblick verhindert werden.
– Wenn ich mich nicht irre, sind wir angekommen, sagt der Mann beim Anblick des Schaffots trocken.
Samson, der Henker von Paris, rät ihm, den Kragen seines Hemdes abzunehmen. Die Augen des Henkers sind freundlich und voll Mitleid.
– Sie verlangen, sagt er und flüstert leise den verbotenen Titel, dass ich Euch die Hände binde.
– Niemals, entgegnet ihm der Mann. Niemals. Und für einen kurzen Augenblick hat er die Haltung desjenigen, der er einmal gewesen war.
– Tut, was Ihr tun müsst, aber ich werde niemals zustimmen, dass man mir die Hände bindet.
Die anwesenden Soldaten nehmen keine Rücksicht darauf.
Man presst die Hände auf den Rücken, fesselt ihn mit seinem eigenen Taschentuch. Man reißt seinen Kopf nach vorn, schneidet ihm die Haare ab.
Das sind sie, die Stufen zum Schafott.
Er betritt sie langsam, aber ohne zu zögern.
– Ich sterbe unschuldig an allen Verbrechen, denen man mich angeklagt hat. Ich vergebe denjenigen, die meinen Tod verursacht haben. Ich bitte Gott, dass das Blut, dass heute hier vergossen wird, niemals auf Frankreich zurückfallen wird.
Laut und volltönend ist sie, die Stimme des ehemaligen Königs von Frankreich, und obwohl man versucht hat, ihm seine Würde zu nehmen, ist dies nicht gelungen.
Die Trommler setzen rasch mit ihrer schaurigen Musik ein, versuchen die Stimme des Königs zu übertönen.
– Fils de Saint Louis, montez au Ciel!
Um 10:22 Uhr schließt sich die Verriegelung der Guillotine über den Kopf des Königs. Louis XVI ist seinen letzten Weg gegangen.
Eine Frau im mittleren Jahren wartet auf ihren Moment.