Mots-clefs

, , , , , , , , , ,

Ihr Lieben,

ich bin einen Tag zu spät, ich hoffe, man sieht es mir nach!

Königin Louise ist ein Quell voller Geschichten – sie hat sogar eigene Märchen verfasst, die allerdings nicht unter ihrem Namen erschienen sind – und ihre Tochter ist gut darin, diese wiederzugeben.
Heute erzählt die redselige Prinzessin, worin das eigentliche Wunder von Weihnachten besteht.

Le miracle de Noël – Das Weihnachtswunder

Marie Anne erzählt

Die mitternächtliche Messe zur Weihnacht ist vorbei, endlich. Ich habe mich durch die geheimen Gänge zu den verborgenen Gemächern geschlichen, die mein Vater, der König, eingerichtet hat, damit meine Mutter, die sich im Konvent vor der Welt verbergen muss, an solchen Tagen bei uns sein kann.
Sie sitzt vor dem Kamin, angetan in einfachen, aber festlichen Gewändern, das Feuer malt rote Lichter in ihre Locken, die sie jetzt kurz tragen muss, aber immer noch schön. Leise trete ich näher. Sie wendet mir ihr Gesicht zu und lächelt. Mein Herz wird warm. Das Lächeln meiner Mutter. Immer noch so leuchtend. Immer noch so wundervoll. Sie erhebt sich, ich werfe mich in ihre Arme.
«Ma douce», flüstert sie in mein Haar, «ma fille.»
Wir halten uns für einen langen Moment.
«Setze dich zu mir», sagt sie dann und weist auf den Platz neben sich. Nur zu gerne folge ich ihren Wunsch, schmiege mich in ihre Arme. Das hier ist anders als die offiziellen Besuche, wo « sie » immer dabei ist. Die Schwägerin des Königs. Unsere Feindin.
«Bist du der Maintenon glücklich entronnen?» fragt meine Mutter.
«Sie ist ein Drachen!» sage ich aus tiefstem Herzen.
«Sie ist ein Biest», sagt meine Mutter, und schlägt sich dann die Hand vor den Mund. «Das war gerade nicht sehr christlich. Wir müssten sie bedauern.»
«Bedauern?» frage ich fassungslos.
«Ja, bedauern», erwidert Maman. «Sie sucht die Liebe und findet sie nicht. Und deshalb wendet sie sich ihrem strengen Glauben zu, damit sie irgend etwas hat, woran sie sich festhalten kann.»
«Maman», sage ich, «erzähle mir eine Geschichte. Wie früher.»
Maman lacht.
«Wie früher? Nun, für Märchen ist man nie zu alt.»
Sie überlegt einen Augenblick, findet dann langsam ihre Worte.
«Und als sie dort angekommen waren, kam die Zeit, an dem Maria gebären sollte, und sie brachte ihren Erstgeborenen zur Welt. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn in den Herbergen war kein Platz für sie gewesen.»
«Aber das kenne ich doch!» unterbreche ich ungeduldig. «Es ist die Weihnachtsgeschichte.»
«Chut», macht Maman und legt mir ihrem Finger auf die Lippen.
«Geduld ist eine Tugend. Höre weiter. In der gleichen Gegend lagerten Hirten auf dem Feld. Du musst wissen, die Hirten waren nicht sonderlich angesehen. Ihre Arbeit war hart, ist es heute noch, und ihr Ansehen? Nun ja. Und in der Nacht, wenn es besonders kalt ist, müssen sie auf dem Feld lagern, um ihre Herde zu beschützen. Und ausgerechnet ihnen, ma douce, erscheint der Engel und verkündet seine frohe Botschaft. Und natürlich hatten sie Angst, als der Engel in all seiner Pracht erschien, und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen:»
«Fürchtet Euch nicht», flüstere ich, ergriffen von der Innigkeit der Stimme meiner Mutter, «denn ich verkünde Euch eine frohe Botschaft, die Freude sein wird für die ganze Welt.»
Meine Mutter lächelt und fährt fort:
«In Bethlehem ist Euch heute der Messias geboren. Ihr werdet ein Neugeborenes finden, gewickelt in Windeln und gelegt in eine Krippe. Und die Hirten wandten sich nach Bethlehem und suchten nach dem neugeborenen Kind.»
Der Tonfall meiner Mutter ändert sich.
«Weißt du, warum die Hirten gingen?»
Ich halte den Atem an.
«Weil sie glaubten. Weil sie nicht hinterfragten, nicht zweifelten, sie zweifelten keinen Augenblick. Sie gingen einfach, getragen vom Glauben und der Liebe in ihrem Herzen. Doch», fährt meine Mutter fort, «weil die Engel befürchteten, die Menschen könnten im Laufe der Zeit ihren Glauben verlieren und die heilige Botschaft vergessen, griffen sie ein.»
«Wie?» frage ich.
«Sie verliehen den Tieren die Eigenschaft zu sprechen. Nur in der heiligen Nacht. Und so können die Tiere noch heute die heilige Botschaft in der heiligen Nacht in die Welt hinaus tragen.»
«Doch wer sie hört, muss sterben!», sage ich. «So erzählt es die Legende.»
«Geschichten werden immer verfälscht von Menschen, die Angst haben», sagt meine Mutter. «Ich glaube, wer sie hört, dem widerfährt ein großes Wunder. Man muss den Tieren zuhören wollen. Und dann werden sie zu dir sprechen. Die Tiere haben das Jesuskind besucht, ihm Gaben überbracht und mit ihm gesprochen. Und jeder Mensch, der reinen Herzens ist, kann ihnen auch zuhören.»
«Aber ich bin nicht reinen Herzens», flüstere ich.
«Doch, ma douce, das bist du. Du trägst die Liebe und den Glauben in dir. Wir sind fehlbar, wie alle Menschen, doch du hast ein liebendes Herz.»
«Maman», frage ich voller Spannung, «haben die Tiere jemals zu dir gesprochen?»
Meine Mutter lächelt.
«Oui, ma douce, das haben sie.»
«Deshalb kommen die Pferde zu Euch und lassen sich von Euch zähmen.»
Das Lächeln meiner Mutter vertieft sich.
«Mon ange, bleibe immer in deinem Herzen. Das ist der beste Rat, den ich dir geben kann. Die Liebe ist die Basis für Glaube und Hoffnung. Und höre immer genau hin. Die bedeutsamsten Worte werden immer dort gesprochen, wo man sie nicht erwartet. Und du kannst den Tieren deinen innigsten Wunsch anvertrauen.»
«Glaubt Ihr, dass eines Tages alles gut wird? Dass Ihr auf immer bei uns sein dürft?»
Mein Blick streift ihre linke Hand. Sie trägt den Ring, den mein Vater ihr angesteckt hat. Ich weiß längst um ihr Geheimnis.
«Ja», sagt Maman fest, «das glaube ich. Die Liebe zu euch lässt mich das durchstehen, und die Liebe zu euch lässt mich das glauben.»
Bekannte Schritte sind auf der Schwelle zu vernehmen, leise öffnet sich die Tür.
«Gerade zur rechten Zeit», sagt meine Mutter, erhebt sich und geht meinem Vater entgegen.
Seine Augen tauchen in ihre, ihrer beider Lächeln vertreibt jede Dunkelheit aus der heiligsten Nacht. Mein Vater fasst die Hände meiner Mutter.
«Mon coeur et mon âme», sagte er leise zu ihr, «mon amour et ma vie.»
«In Aeternam», erwidert meine Mutter, «Amen.»

2016, Louise Bourbon