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Ihr Lieben,

Mein Weihnachtsbeitrag für heute ist wieder eine Geschichte, die dank meiner Protagonistin, einer äußerst redseligen Prinzessin, die manchmal gerne macht, was sie möchte, und nicht, was ihre Autorin will, einen etwas anderen Verlauf genommen hat. Aber der Kern bleibt der gleiche.

Und natürlich erzählt sie die Geschichte aus ihrer Perspektive. Mein besonderer Dank geht an Ma chère Le Alex Sax fürs erste Lesen und die ersten Gedanken.

Nun denn, lassen wir Marie Anne erzählen.

Warum eine Tanne zum Weihnachtsbaum wurde

Paris, Dezember 1723

Es wird keine großen Feiern dieses Jahr am Hof geben. Ebenso wenig wie letztes Jahr. Letztes Jahr hat uns die Duchesse d’Orléans, Feindin meiner Mutter und somit auch die meine, endlich verlassen, und dieses Jahr, fast auf den Tag genau, ist ihr ihr Sohn gefolgt.

Diese beiden, die meiner Mutter so viel Leid zugefügt haben, endlich sind wir sie los! Nicht sonderlich christlich, dieser Gedanke, sicherlich. Aber die Welt weiß auch nicht, was ich weiß.

Weihnachten. Ich habe dieses Fest immer geliebt, als Kind, obwohl ich nicht alles verstand, schon gar nicht, warum mein Vater zwar König von Frankreich, meine Mutter aber nicht die Königin von Frankreich war. Als ich meine Mutter in kindlicher Unschuld einmal danach fragte, umschattete sich ihr Gesicht, und sie suchte noch Worten. Doch was sie damals zu mir sagte, trage ich in meinem Herzen. Ich werde es an anderer Stelle erzählen.

Ganz besonders wurden die Weihnachtsfeiern, als meine Mutter gezwungen war, sich im Kloster zu verbergen, und sie uns und wir sie immer nur heimlich treffen konnten. Doch gerade dieser Heimlichkeit haftete eine besondere Intensität an, die wir uns selbst dann bewahrten, als sie die Frau meines Vaters und Königin von Frankreich wurde.

Versailles. Auch wenn sich alles geändert hat, noch immer liebe ich diesen Ort. Noch immer liegt der Geist der Liebe meiner Eltern über diesen verwunschenen Schloss. Und dort, obwohl ich schon längst erwachsen war, hat sie mir in der Weihnacht eine ganz besondere Geschichte erzählt.

Wehmütig bin ich. Mir ist die Gnade eigener Kinder versagt geblieben, aus welchen Gründen, gehört hier nicht her. Gern hätte ich am Weihnachtsabend mit meinen eigenen Kindern am Feuer gesessen, wie sie es immer getan hat, und ihnen Geschichten erzählt. Aber der kleinen Infante, meiner Namensvetterin Marie Anne Victoire, die die Verlobte des Königs ist und zu dessen Erziehung ich bestellt worden bin – ausgerechnet ich! – werde ich sie erzählen. Sechs Jahre ist sie jetzt alt, und ich weiß, sie wird verstehen. Auch einige andere Dinge, die ich erzählen werde. Denn sie ist die Tochter des spanischen Königs, der mein Bruder ist. Sohn des verstorbenen Königs Louis und der Königin Louise, ebenso, wie ich ihre Tochter bin. Ich seufzte. Vor der Welt gilt der spanische König als der Enkel meines Vaters. Er ist es nicht. Er ist ihrer beider Sohn.

Das kleine Mädchen sieht vertrauensvoll zu mir auf, als ich sie beiseite nehme.
«Eine Geschichte!» ruft sie aus und klatscht in die Hände.
«Ja, sage ich, eine Geschichte, die mir von meiner eigenen Mutter erzählt worden ist.»
Selbst die Kleine ist betroffen. Auch sie weiß, dass Königin Louise nicht genannt werden darf.
«Also höre», beginne ich und halte inne. Meine Gedanken fliegen zurück zu meiner Mutter. Wie hat sie diese Geschichte erzählt? Ich suche in meinen Erinnerungen.

«Nun, eines Tages, im Winter, in alter, sehr alter Zeit, so alt, dass die Feen noch mit den Menschen sprachen, da geschah es, dass ein kleiner Vogel sich kurz vor Anbruch des schlechten Wetters den Flügel brach. Er konnte also nicht mit den anderen in den Süden aufbrechen. Aber es wurde kalt, der Schnee nicht fern, und er machte sich große Sorgen. Also, begann er, im Wald noch einen Unterschlupf zu suchen.»
Die Infante sieht mich mit großen Augen an.
«Der arme Vogel», murmelt sie, «er muss sich schrecklich allein gefühlt haben.»
Ich schlinge den Arm um die kleine Prinzessin, genau wissend, was sie sagen will. Auch nach den vielen Jahren fühlt sie sich im kalten Paris noch nicht zu Hause.
«So begab sich der Vogel», fahre ich fort, «zum Gevatter Bouleau, der Birke, und sprach: Holde Birke, Ihr seht, ich leide große Not! Mein Flügel brach durch Ungeschick, und nun konnte ich nicht mit meiner Familie gen Süden aufbrechen. Gewährt Ihr mir Schutz in euren warmen Ästen, dass es mich nicht dauert, bis das Frühjahr kommt?»
Pfff, macht die Birke, da könnte ja jeder kommen! Durch eigenes Ungeschick auch noch! Der Winter wird hart und kalt, ich muss mich um mich selbst kümmern. Ihr seht nur zu, wie Ihr zurecht kommt.
Traurig setzt der kleine Vogel schmerzenden Flügels seinen Weg fort und rastet am Fuße einer mächtigen Eiche. Gevatter Eiche, so dachte sich der Vogel, mit seinem hohen großartigen Blattwerk, er wird ein Plätzchen für mich haben.
Gewaltige Eiche, König der Wälder, verzeiht, dass ich Euch anspreche! Aber ich habe mir den Flügel gebrochen, meine Familie ist bereits im warmen Süden, und ich benötige ein Plätzchen um auszuharren bis zum Frühling. Werdet Ihr mich unter euren Blättern bergen?
Pfff, macht die Eiche, da könnte ja jeder kommen! Durch eigenes Ungeschick auch noch! Außerdem kenne ich Leute wie dich. Du willst dich an mir nähren, und du wirst mir nichts zurückgeben.»
Ich halte inne.
«Dem verstorbenen König hätte diese Antwort nicht gefallen.» sage ich leise. «Er war stets der Ansicht, dass man einer leidenden Kreatur helfen muss.»
«Erzählt mir von ihm», sagt die kleine Infante, «und auch von Eurer Mutter.»
Ich lächele und streiche der Kleinen über das Haar.
«Später. Erst die Geschichte.»
«Natürlich», nickt sie, «ich möchte doch wissen, wie es mit dem kleinen Vogel weitergeht.»
«Traurig setzt also der kleine Vogel seinen Weg fort und gelangt, fast schon zu Tode erschöpft, an den Fuß einer Weide. Weiden sind normalerweise sehr gütig, aber diese hier war es nicht. Euch aufnehmen? sagte die Weide, da könnte ja jeder kommen. Es mag ja Bäume hier im Wald geben, denen es keine Schwierigkeiten bereitet, Fremde aufzunehmen. Ich gehöre nicht dazu. Schert Euch das Weges.»
Einmal mehr muss ich an meinen Vater denken.
«Und dann…»
«Und dann?» fragt die Infante erwartungsvoll.
«Da hört der kleine Vogel plötzlich eine liebliche Stimme, die ihn anspricht: was ist Euch geschehen, kleiner Vogel? Eine mächtige Rottanne blickt auf den Vogel herab. Habt ihr Euch den Flügel gebrochen? Das ist schlimm. Denn so könnt Ihr nicht zu Eurer Familie in den Süden aufbrechen.
Ich weiß, nickt der kleine Vogel, und das macht mir großen Kummer. Aber ebenso fürchte ich, diesen Winter hier in diesem Wald an der Kälte zugrunde gehen zu müssen. Denn Niemand will mir Unterschlupf gewähren.
Wenn es weiter nichts ist! entgegnet die Tanne, schlüpft in meine Zweige. Ich werde mich über Gesellschaft im Winter sehr freuen! Die Abende sind kalt und einsam. Da tut es wohl, eine Freundin zu haben!
Und wir werden, sprachen die Fichte, die Eibe und einige andere, wir werden alle dichter zusammenrücken. Nur die stolze Lärche wandte sich ab.
Als der Engel Gabriel, der doch alles sieht, auch dieses sah, sprach er:
Wer so anderen dient, dem soll gedient werden. Euch soll auch im Winter Euer grünes Kleid gut stehen, denn Ihr seid die Hoffnung bis zum Frühling.
Daraufhin ließ er einen großen Schneesturm entstehen, der der stolzen Eiche, der eleganten Birke und der Weide all ihr Blattwerk nahm. Seitdem ist die Weide traurig und senkt ihre Äste zu Boden, und mit mancherlei Wundertaten versucht sie, die Gunst des Engels wieder zu erlangen.
Doch wir ehren die Güte der Tannen bis zum heutigen Tag.»
Die Infante schmiegt sich eng an mich.
«Und das hat Euch Eure Mutter erzählt?»
Ich nicke bestätigend.
«Ja, das hat sie. Und einiges andere mehr.»
«Ich möchte alles hören!» sagt die Kleine.
«Und ich werde dir alles erzählen. Doch lass uns nun einen Augenblick innehalten und daran denken, was uns diese Geschichte lehrt.»
Und diejenige, die sie mir erzählt hat.
Noch lange sitze ich mit der Infante in meinen Armen am wärmenden Feuer und spüre etwas,, das ich vor langen Jahren verloren zu haben glaubte: den Geist von Weihnachten.

Louise Bourbon, 2016