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Ihr Lieben,

Da viele schon im Weihnachtsmodus sind und ich für morgen einen besonderen Beitrag vorgesehen habe, beginne ich meinen geplanten Weihnachtszyklus schon heute. Mindestens bis zum 27., vielleicht aber sogar bis Epiphanie, mal schauen, was mir so einfällt, gibt es jeden Tag einen weihnachtlichen Beitrag von mir.

Das ist meine Weise, meinen Beitrag zum Fest der Liebe zu leisten. Darüber hinaus möchte ich mich bei all jenen bedanken, die im letzten Jahr in unterschiedlicher Weise an meiner Seite waren.

Habt alle ein gesegnetes Weihnachtsfest in Licht und Liebe.

Für heute gibt es eine kleine Geschichte, die zeigt, dass auch in der größten Dunkelheit immer wieder ein Licht zu finden ist.

Que l’espérance, la lumière et l’amour soient avec nous tous.

La Rose de Noël – Die Weihnachtsrose

Marie Anne de Bourbon erzählt

Ich habe Weihnachten am Hof immer geliebt. Nun, heutzutage gibt es nichts mehr, was man dort lieben könnte, aber damals, zur Zeit meine Eltern, war’s schön. Nicht nur die rauschenden Feste während der zwölf heiligen Nächte, nein. Besonders in meinem Herzen geblieben sind die Stunden danach, wenn meine Eltern sich in ihre Gemächer zurückzogen, uns mitnahmen und wir noch einmal Weihnachten feierten, wie eine kleine Familie. Und gleichgültig, wie alt ich war, ich habe die Geschichten meiner Mutter geliebt. Wenn sie sich mit uns ans Feuer setzte und zu erzählen begann, den Blick in eine Welt gerichtet, die nur ihr offenstand. In einem Jahr trug es sich so zu:

Heute hat Maman mir, als ich sie im Konvent besuchte, einen Blumenstock mitgegeben.
«Eine Weihnachtsrose», sagt sie, «achte gut auf sie, und sie wird an Weihnachten blühen. Dann werde ich dir ihre Geschichte erzählen.»
Ich halte den Stock in meinen Händen wie etwas sehr Kostbares. Und ich weiß auch, dass ich ihn nicht zeigen darf. Geschenke meiner Mutter « verschwinden » und tauchen an den seltsamsten Stellen wieder auf; dann haben sie meist auch die Besitzerin gewechselt. Aber ich weiß, wer für mich darauf aufpassen wird, bis die heilige Nacht gekommen ist.
Monsieur Le Nôtre lächelt.
«Natürlich halte ich ihn in allen Ehren», verspricht er mir. «Eure Mutter… Ich trage sie im Herzen. All das hier», er weist mit der Hand auf sein kleines Königreich, «wuchs besser, als Eure Mutter noch bei uns lebte. Dann musste sie gehen und hat das Licht mit sich genommen.»
Mir steigen die Tränen in die Augen.
Der Gärtner ist bestürzt.
«Ich habe Euch traurig gemacht, das ist unverzeihlich! Aber natürlich werde ich den Stock für Euch hegen und pflegen. Er wird an Weihnachten blühen.»
Monsieur Le Nôtre hält Wort. Am Abend vor der heiligen Nacht bringt er mir ein prächtiges Exemplar.
«Das habt Ihr geschaffen?» frage ich ehrfürchtig.
Der Gärtner lächelt.
«Ich war nur der Wächter. Geschaffen habt das Ihr mit Eurer Liebe zu Eurer Mutter, und Eure Mutter mit Eurer Liebe zu Euch.»
Nun heißt es nur noch warten. Warten, bis die Festlichkeiten vorbei sind und ich in die Arme meiner Mutter sinken kann. Und endlich sitze ich neben ihr am Feuer und lausche mit angehaltenem Atem ihrer Geschichte.
«Ich wusste, du würdest ihn zum blühen bringen», sagt sie und lächelt. «Nun höre die Geschichte.
In der Nacht, als das Jesuskind geboren wurde, war es kalt in den Hügeln um Bethlehem, eiskalt. Die Hirten auf dem Felde froren entsetzlich, denn es hatte auch geschneit, der Schnee lag tief. Die jüngste unter ihnen war ein kleines Mädchen, nennen wir sie …»
Meine Mutter hält für einen Augenblick inne.
«Madelon. Das ist ein guter Name. Alle kleinen Mädchen, denen etwas wunderbares widerfährt, heißen Madelon.»
Für einen kurzen Augenblick huscht ein Schatten über ihr Gesicht. Die französische Madeleine, Maria Magdalena zum Gedenken, so nennt man sie jetzt, da sie offiziell der Welt entsagt und sich in ein Kloster zurückgezogen hat. Die Welt weiß nicht, dass sie dort eine Gefangene ist.
«Madelon also. Die Kleine friert, und ihr ist so entsetzlich kalt, dass sie sich inmitten ihrer Herde schlafen gelegt hat, doch selbst das warme Fell der Tiere vermag sie vor der Kälte nur unzureichend zu schützen. Dennoch gelingt es ihr, ein wenig Schlaf zu finden. Mitten in der Nacht, in der Stunde, als es am dunkelsten ist, erwacht sie. Sie öffnet die Augen, blickt zum Himmelszelt – und der Himmel steht in Flammen, hell erleuchtet von einem großen Stern, der über der fernen Stadt still zu stehen scheint. Madelon hält den Atem an, entzückt von der Schönheit, die sich ihr darbietet. Und weil alle kleinen Mädchen neugierig sind …»
Meine Mutter sieht mich an und lacht.
«Und weil alle kleinen Mädchen neugierig sind, will Madelon nachsehen. Sie hängt sich eines ihrer Felle um, um sich gegen die klirrende Kälte zu schützen, und macht sich auf den Weg.»
«Aber Maman», sage ich, «hat sie denn nicht den Engel auf dem Feld gehört, der die frohe Botschaft verkündet hat?»
«Ma douce, vielleicht war die Kleine so müde, nachdem sie endlich Schlaf gefunden hatte, dass sie ihn tatsächlich nicht gehört hat. Ich aber glaube», sagt ma mère und lächelt geheimnisvoll, dass es ihr vorbestimmt war, ein eigenes Abenteuer zu erleben.»
«Ein eigenes Abenteuer?» frage ich, meine Augen beginnen zu funkeln. Ich bin noch nicht zu alt, als dass ich mich an meine eigenen nicht erinnern könnte.
«So höre also weiter. Denn als Madelon auf dem Weg tritt, der sie nach Bethlehem führen soll, begegnet sie drei Männern. Oh, sie sehen wunderbar aus, kostbar angetan, in jedem Fall edle Ritter …»
«Wie mon père!» rufe ich entzückt aus.
Meine Mutter sieht mir die Unterbrechung nach.
«Nun denn, wie dein Vater.»
Die Tür zum Gemach öffnet sich, der König, mein Vater, tritt leise ein.
«Und er scheint auf Meilen zu wissen, wann es an der Zeit für ihn ist», sagt meine Mutter und lächelt.
«Nicht unterbrechen», sagt mein Vater, nimmt auf der anderen Seite meiner Mutter Platz und fasst ihre Hand.
«Aber man sieht auch», fährt meine Mutter fort, «dass die edlen Herren eine weite Reise hinter sich haben. Einer der drei spricht das kleine Mädchen an: Ma petite, was machst du hier? Solltest du nicht bei deiner Herde sein?» denn er hat an ihren Kleidern erkannt, dass sie eine Hirtin ist.
‹Ich folge dem Stern›, antwortet die Kleine.
‹Das tun wir auch›, antwortet der einer der drei, ein hochgewachsener Mann, ‹denn wir wissen, heute Nacht wurde in dieser Stadt dort der Heiland geboren, und deshalb sind wir schon lange unterwegs. Schau, wir bringen Gold, Weihrauch und Myrrhe zu seinen Ehren.›
Da wird die Kleine traurig und beginnt zu weinen. Seit den Tagen des Königs David hat kein König mehr die Stadt besucht, die Gegend ist arm, und sie gehört zu den Ärmsten der Armen. Nun soll sie mit leeren Händen vor das Kind treten? Und sie weint so bitterlich, dass ihre Tränen auf den Schnee am Wegesrand fallen.
Der Engel Gabriel, der vom Himmel aus diese kleine Szene beobachtet hat, empfindet Mitleid für Madelon, die aus reinem Herzen das Jesuskind aufsuchen möchte und glaubt, nichts zu haben was sie ihm anbieten könnte. Dabei ist ein reines Herz doch genug. Und er macht sich auf zur Erde, ein Engel kann das sehr schnell, und fragt sie:
‹Warum weinst du?›
‹Weil ich nichts habe, was ich dem Kind zum Geschenk machen könnte.›
Kinder können Engel nämlich noch sehen, weißt du.
‹Aber schau doch genau›, sagt der Engel und weist mit seiner Hand auf den Schnee, auf die Stelle, wo die Tränen des Kindes diesen haben schmelzen lassen. Und dort, unter den Augen des Kindes, erhebt die Glocke einer Blüte ihren Kopf zum Himmel und neigt sich dem Kind entgegen. ‹Nimm sie›, sagt der Engel, ‹sie gehört dir. Aber vergiss den Dank nicht.›
Ehrfürchtig nimmt Madelon die Rose an ihr Herz, dankt dem Engel und der Erde, die die Blume für das Mädchen hat wachsen lassen, und nicht zuletzt der Rose selbst, die ihr gestattet, sie mitnehmen zu dürfen. So springt die Kleine fort, und weil sie noch jung und in ihren Kräften ist, erreicht sie den Stall noch vor den drei Königen.»
«Wieso sind die drei Könige schon da?» unterbreche ich.
Mein Vater lacht.
«Wir feiern ihr Fest doch erst am 6. Januar!»
«Wir feiern es so», sagt meine Mutter gelassen, «doch die Könige waren auch Weise. Magier. Glaubst du nicht, dass sie in ihrer Weisheit nicht wussten, sich rechtzeitig auf den Weg zu machen?»
Mein Vater lacht erneut.
«Natürlich», sagt er zu mir, «musstest du diese Frage stellen. Und ebenso natürlich hat deine Mutter eine Antwort darauf. Aber jetzt lasse sie weiter erzählen.»
«Madelon erreicht den Stall also vor den Königen. Es ist eine große Menschenmenge dort versammelt, denn der Stern hat einige sich auf den Weg machen lassen. Als nun die Kleine dort erscheint, nur mit ihrem Fell bedeckt, die Blume in der Hand, teilt sich die Menge vor Erstaunen. ‹Mitten im Winter›, murmeln die Menschen, ‹trägt das Kind eine Blume bei sich! Eine Hirtin überdies, eine der Ärmsten! Dies kann nur ein weiteres Wunder sein. Weiß ist sie, rein wie die Farbe der Lilie, und so schön wie diese Blume ist, muss sie mindestens eine Rose sein.›
So macht die Menschenmenge Platz, die Kleine tritt an die Krippe. Und das Neugeborene in der Krippe wendet seinem Kopf, mustert die Kleine mit seinen klugen Augen, streckt seine Ärmchen der Rose entgegen – und lächelt.»
«Das ist wunderschön», sage ich und spüre meine eigenen Tränen in den Augen glänzen.
«Ja, das ist es», sagt mein Vater und streicht meiner Mutter über die Wange, «die schönsten Rosen blühen häufig im Verborgenen. Oder», und sein Blick fasst den meiner Mutter, «die schönsten Lilien.»

Louise Bourbon, 2016