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Liebe Leser,

diese Geschichte entstand heute, am 18. November, zum Gedenken an den Comte de Vermandois.

Einen kurzen Abriss über den heutigen Tag habe ich hier gegeben: Zum Todestag des Comte de Vermandois.

Wie immer ist sie historisch, wie immer ist sie wahr, auch wenn die offizielle Geschichte manches anders erzählt.

Die Nächte im November sind dunkel. Sie erscheinen dunkler und kälter als die, die noch kommen werden. Es ist der Monat der Toten.
In Versailles hingegen versucht die Frau des Königs, das werdende Leben, das in ihrem Leib heranwächst, zu verbergen. Dieses Mal wird es ein eheliches Kind sein. Kein Makel mehr, aber auch nicht unproblematisch. Ein eheliches Kind des Königs.
Sie steht kurz vor der Geburt, das Kaschieren wird immer schwieriger. Zum Glück geht es auf den Winter zu, im Schloss ist es kalt. Sie trägt viele Stoffe übereinander und gibt vor, dass sie friert. Eine Frau um die Vierzig, das kann vorkommen, dass man früh aus seinen Monden austritt.
Diese Schwangerschaft hier ist eine schwierige. Der Arzt, der heimlich hinzugezogen worden ist, sagt, es läge an ihrem Alter – und an den Entbehrungen, die sie über lange Jahre hat hinnehmen müssen.
Abends, wenn sie sich mit ihrem Mann zurückzieht, ist sie froh, die allzu enge Schnürung lösen zu können. Sie ist erleichtert. Und sie hat Angst. Sie weiß, dass die Frau, die sich ständig in Ihrer Nähe aufhält, sie mit kritischen Augen beobachtet. Weiß diese? Hat sie es einmal mehr erahnt?
Der König, stets so besonnen und bedacht, auch er fürchtet sich. Die offizielle Linie ist nicht mit Kinderreichtum gesegnet. Von seinen sechs Kindern aus der ersten Ehe ist ihm nur eines geblieben.
Louise fragt sich manchmal, ob die Maintenon, « der alte Drache », wie die Princesse de Conty zu sagen pflegt, mit ihren Vorwürfen recht hat. Eine Strafe sei das, sagt sie, eine Strafe für das gotteslästerliche Leben des Königs mit seiner Geliebten, die nun seine Frau ist. Dem Kloster entrissen, die Gelübde aufgelöst, durch das Königs eigene Hand.
Alle Hoffnungen liegen auf dem kommenden Enkel. Die Dauphine ist ebenfalls schwanger.
Wie lange wird sich ein Neugeborenes verbergen lassen? Und was soll mit ihm geschehen?
Louise betet um eine Tochter, das weiß der König. Eine Tochter wird keine Schwierigkeiten bereiten. Sie ist nicht erbberechtigt. Und er, er betet auch. Und doch ist in seinem Herzen eine kleine Hoffnung, dass es anders sei, auch, wenn er noch nicht weiß, wie er dann verfahren wird.
Als sie sich an diesem Abend in ihrem versteckten kleinen Gemach zur Ruhe begeben, seufzt Louise auf, als sie sich niederlegt. Er sieht sie besorgt an. Sie winkt ab, es ist nichts. Nur Schmerzen im Rücken, es wird bald soweit sein. Louise ist keine Frau, die jammert.
In diesen Wochen haben sie sich so oft als möglich ins Grand Trianon zurückgezogen. Es war einst Louises Versteck, nun ist es eine Zuflucht.
Er versucht es ihr zu erleichtern, so gut er kann. Er hält seine schwangere Frau in seinen Armen, die nur noch auf der Seite schlafen kann, schmiegt sich an ihren Rücken, die Hände auf ihren Leib, versucht sie zu wärmen, ihre Schmerzen zu lindern. Die Hände des Königs von Frankreich, so sagt man, haben heilende Wirkung. Er hofft, dass diese Wirkung bei seiner eigenen Frau nicht versagt. Und wenn er in seiner dunklen Gedanken fällt, dann greift eine kalte Hand nach seinem Herzen. Schon einmal hat eine Geburt sie beinahe das Leben gekostet.
Sie schlafen ein. Mitten in der Nacht dann ein Schrei. Louise hat geträumt, einer der Träume, die er fürchtet. Manchmal kann er sehen, was sie träumt.
«Das kann nicht sein», flüstert er, «die Kämpfe ruhen doch.»
Sie sieht ihn an, mit einem Ausdruck in ihren Augen, den er nie vergessen wird. Und dann schreit sie noch einmal, so, wie er noch nie einen Menschen hat schreien hören.
Auch sie hat Kinder geboren und wieder zu Grabe tragen müssen. Das Herz der Eltern schmerzte, aber bei Kindern vor dem sechsten Lebensjahr muss man damit rechnen.
Auch die Wache in den Vorzimmern fährt zusammen. Hier in der Abgeschiedenheit gibt es nicht viele davon, doch seit man Louise nach dem Leben getrachtet hat, besteht der König darauf. Das kleine Schloss selbst wird gut bewacht, so ist der Kompromiss, doch ihre Räume sind überwiegend privat.
Der Gardist ist geschult. Er weiß sie zu unterscheiden, die verschiedenen Schreie, die Menschen ausstoßen können, und wann es Zeit für ihn wäre, einzugreifen. Menschen schreien vor Angst. Vor Schmerz. Vor Lust.
Doch der Schrei, der ihm in den Ohren hallt, klingt wie der eines schwer verwundeten Tieres, fast nicht mehr menschlich.
Im Gemach versucht der König, dem selbst die Tränen über die Wangen laufen, seine Frau zu beruhigen. Sie schreit. Sie schluchzt. Sie schlägt auf ihn ein, unfähig, dem Reißen in ihrem Inneren Herrin werden zu können. Noch immer sieht sie die Bilder vor Augen, hört ein letztes Mal die Stimme ihres Kindes.
«Maman, adieu. Ich muss gehen.»
Der König hält sie, lässt sie nicht los, nennt sie bei ihrem Namen, erreicht sie nicht. Seine Tränen tropfen in ihr Haar, benetzen ihr Gesicht, vermischen sich mit den ihren. Ihrer beider Honig der Liebe hat sich miteinander vermischt, um diesem Kind das Leben zu geben, nun vermischen sich die Wasser ihrer Augen, um den Sohn zu verabschieden.
Und plötzlich wird Louise in den Armen ihres Mannes starr. Sie krümmt sich, ihr Rücken biegt sich. Sie sieht ihren Gatten an. Viel zu dunkel wirken ihre Augen in dem bleichen Gesicht. Sie krümmt sich noch einmal.
«Mon Dieu, Louis», keucht sie.
Er kennt die Anzeichen. Er war oft genug zugegen.
In der Nacht, in der ihrer beider Sohn verstirbt, bringt Louise ein weiteres Kind zur Welt. Es ist ein Junge.