Mots-clefs

, , , , , , ,

Liebe Leser,

Manch einer weiß ja, dass ich mich der historischen Recherche verschrieben habe. Eine zweite Leidenschaft hat sich dabei herauskristallisiert: das Berichten über Vorurteile und falsche Wahrheiten, die sich bis heute gehalten haben.

Heute: Waschen ist nur was für die Moderne! Eine Spurensuche.

Fassen wir mal zusammen, was wir aus dem Geschichtsunterricht wissen: die Menschen der Vergangenheit waren, gelinde gesagt, Ferkel. Waschen war im Mittelalter maximal eine Definition in nicht existenten Duden, und im so vornehmen Barock wurde es richtig schlimm. In diversen Artikeln über Hygiene wird mit Leidenschaft darauf hingewiesen, dass Louis XIV in seinem Leben ungefähr dreimal gebadet hat. Also quasi alle 25 Jahre. Die renommierte Zeitung « Die Welt » gönnt ihn noch nicht einmal dieses dritte Bad und spricht nur von zweien. Ein Radiosender widmet ungefähr 10 Minuten lang den Warnhinweisen, sich dem französischen König am besten nicht allzu sehr zu nähern.

Als ich zum ersten Mal über diese Aussagen gestolpert bin, habe ich herzlich gelacht. Und dann einmal mehr den Kopf geschüttelt.

Punkt eins: Es muss unterschieden werden zwischen einem subjektiven Reinigungsempfinden und Hygiene. Hygiene bedeutet laut Definition das Vermeiden von Krankheiten durch entsprechende Vorsorge. Mit einem Reinigungsempfinden hat es also erst einmal nichts zu tun. Diese Begriffe werden mit Vorliebe verwechselt.

Punkt zwei: Hygiene und die daraus resultierenden Maßnahmen variieren nicht nur in den Zeiten, sondern auch in den Kulturen. Während die alten Ägypter auf Seife schworen, waren die Griechen davon überzeugt, dass die Reinigung mit Wasser die vernünftigste sei. Schön, wir können also davon ausgehen, dass zumindest die antiken Menschen sich noch gewaschen haben. Wahrscheinlich können wir da gar nichts anderes behaupten, weil entsprechende Unterlagen gefunden worden sind. Aber woher kommt die Vorstellung, circa 1000 Jahre lang hätten sich die Menschen nicht gewaschen?

Einmal mehr bin ich der Überzeugung, dass die moderne Gesellschaft mit ihren eigenen Maßstäben misst: kein fließendes Wasser bedeutet zwangsläufig auch kein Waschen. Gut, dachte ich mir, dann nehme ich das erst einmal als gegeben hin. Und weil ich es vorziehe, gründlich zu recherchieren, habe ich einfach einen Dermatologen gefragt, wie denn genau die Auswirkungen aussähen, würde man sich tatsächlich ein gesamtes Leben lang nicht oder nur marginal waschen. Die Ergebnisse waren erstaunlich.

Zunächst einmal wird es nicht verwundern, dass ohne das Waschen nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Bakterien auf der Haut verbleiben. Diverse chemische Reaktionen führen dann dazu, dass der an sich geruchlose Schweiß seine eigenen Ausdünstungen entwickelt. Nun machte der Herr eine hochinteressante Anmerkung: er sagte nämlich radikal, dass, wenn man nach dieser Logik vorgehe, die Menschen des 21. Jahrhunderts ohne ihre ganzen künstlichen Duftwässer die schlimmsten Gerüche verbreiteten, die man sich nur vorstellen könne. Denn ungesunder Schweiß entwickelt sich auch aus einer Überbelastung der Verdauungsorgane – und diese werden heutzutage auf eine harte Probe gestellt, da unser Essen zum größten Teil ja nicht mehr natürlich, sondern künstlich ist oder künstliche Stoffe zugesetzt werden. Mit Chemikalien im Essen mussten sich die Menschen im ach so stinkigen Barock nicht auseinandersetzen. Mit zu viel Zucker auch nicht.

Übrigens auch nicht damit, sich nahezu täglich die Haare zu waschen. Die Kopfhaut ist eigentlich ein sehr guter Regulator. Diesen Regulator macht man sich aber heutzutage durch die Verwendung von Shampoos und ähnlicher Produkte kaputt. Die irritierte Kopfhaut fettet – und die Umweltbelastungen, die unsere Haare ertragen müssen, machen die Sache nicht besser. Wasser ist zudem kalkhaltig und wird täglich über die Haare geschüttet. Würden die Menschen, sagte der Herr, für sechs Wochen die Haare ausschließlich nur mit Wasser ausspülen, bekäme die Kopfhaut ihren gesunden Zustand wieder zurück. Wir empfinden unsere Kopfhaut aber nicht als krank, weil wir den täglichen Gebrauch von Shampoo gewöhnt sind.

Nun, kehren wir zurück zu weiteren Folgen des nicht Waschens: die Infektionsgefahr steigt eklatant. Schließlich werden die schädlichen Bakterien auch nicht mehr weggewaschen. Tote Hautzellen, Schweiß, Dreck, all das lagert sich ab und begünstigt Pickel-Bildung und Hautschäden. Zudem können sich dunkle Flecken auf der Haut bilden, auch bekannt als Dermatosis Neglecta. Insbesondere die Schleimhäute, so erfuhr ich, seien besonders gefährdet. Da kam mir ein Gedanke, ich fragte nach: heißt, die Gefahr von Infektionen im Intimbereich ist besonders hoch? Das wurde mir bestätigt. Könnte, fragte ich weiter, dass eine entsprechende Menge an Fehlgeburten auslösen? Auch das wurde bejaht. So, dachte ich, dann kann es um die Körperhygiene meiner Protagonisten so schlecht nicht bestellt gewesen sein. Nachweise in Form von Nachkommenschaft gibt es genug.
Zudem: wären Flecken auf der Haut, Pickel und Ähnliches durch mangelnde Hygiene im 17. Jahrhundert absolut normal gewesen, bin ich überzeugt, dass man das auch auf Gemälden so dargestellt hätte. Ein der Hygiene nicht zugewandter Mensch hätte das nicht als seltsam empfunden.

Dann gehen wir zu Quellenlage: und wie immer ist es widersprüchlich. In der modernen Sekundärliteratur wird mit Leidenschaft darauf hingewiesen, insbesondere der französische König habe eine Phobie gegen das Waschen gehabt. Man weist mit Vorliebe darauf hin, dass die Zeitgenossen einen relativen Abstand zu ihm eingehalten haben. Pardon, wir sprechen hier vom König. Diesem tritt man nicht auf die Zehen, respektive, man baut sich keine zehn Zentimeter vor ihm auf. Andere Quellen wiederum bescheinigen, und jetzt wird es wirklich amüsant, Louise de La Vallière einen regelrechten Waschzwang. Besonders spaßige Analysten sind überzeugt, sie habe die Schuldgefühle der ehebrecherischen Zweisamkeit mit dem König wegwaschen wollen. Nehmen wir auch das einmal als gegeben hin: wir haben also einen Mann, der Waschen nur aus dem Vorläufer des Grand Larousse kennt, mit einer Frau, die quasi stets ihr Reinigungsset in einer barocken Clutch mit sich herum trägt. Wie wahrscheinlich ist das denn. Jeder von uns kennt den Spruch: ich kann dich nicht riechen. Und jeder von uns weiß auch, wie sehr Gerüche bei der Partnerwahl entscheidend sind.

Gehen wir also endlich zu den Originalquellen: im Louvre gab es Badezimmer. Die Problematik war allerdings, dass diese fest installiert waren, durch den wachsenden Hofstaat aber eine entsprechende Baumaßnahme relativ problematisch war. Der zu eng werdende Louvre war übrigens mit einer der Gründe für den Umzug des Königs nach Versailles. Darüber hinaus war selbst Louis XIV noch ein Reise-König, viele der Schlösser waren gar nicht fest eingerichtet. Stattdessen wurden Badewanne und Ähnliches quasi wie ein Möbel behandelt und mit den Tross mitgeschickt. Genau dieses wurde auch später in Versailles noch praktiziert – da der Adel zwischen Versailles und Paris hin und her pendelte, wurden auch die Badewannen mitgeschickt. Eine interessante Erfindung fällt übrigens in den Anfang des 17. Jahrhunderts und ist französisch: eine moderne Form der Dusche. Idee dahinter war, in Reservoirs Wasservorräte vorzusehen, wenn die Direktbeschaffung etwas schwierig war. Eine weitere Erfindung fällt in das 17. Jahrhundert: das Bidet. Wozu man das nutzte, muss ich wahrscheinlich nicht erklären. Und die dazugehörigen Utensilien waren offensichtlich so wichtig, dass:

Le 5 octobre 1688, un édit de Louis XIV, signé par Jean-Baptiste Colbert de Seignelay fils de Colbert, secrétaire de la Maison du Roi, réglemente la fabrication du savon de Marseille.

Am 5. Oktober 1688 wurde durch ein Edikt des Königs Louis XIV, unterzeichnet durch Jean-Baptiste Colbert de Seignelay, Sohn (des Intendanten der Finanzen) Colbert, die Herstellung der (bis heute berühmten) savon de Marseille geregelt.

Interessant, ein Mann, der sich angeblich nicht wäscht, hat so viel Interesse am Reinheitsgebot für Seife, dass er das sogar in ein Edikt fassen lässt. Könnte im übrigen damit zusammen hängen, dass Königin Louise auf diese Seife schwor.

Die schönen Badeanlagen, die überliefert sind und die der König für Louise hat bauen lassen, sind tatsächlich nicht mehr da. Das liegt aber nicht an ihm, sondern an seinen Nachfolger, der sie abgerissen hat. Louis XIV machte sogar Pläne für einen Kanal, um das Wasser von der Loire nach Paris zu befördern, weil das Wasser der Loire als sauberer galt als das der Seine – Umwelt-Gedanken Barock. Ähnliche Pläne gibt es für die vollständige Versorgung des Schlosses mit fließendem Wasser. Und hier sprechen wir nicht von dekorativen Fontänen und Bassins, sondern von der Innenausstattung.

Zu guter Letzt findet man noch einen ganz spannenden Bericht in den Aufzeichnungen des Pierre de La Porte, Chambre de Valet de Louis XIV, der darüber geseufzt hat, dass der König ungefähr fünfmal am Tag sein Hemd gewechselt hat, weil er, so wörtlich, Schweißgeruch nicht ausstehen konnte – und aus diesem Grunde nicht nur ein frisches Hemd, sondern auch regelmäßig den Waschkrug verlangt hat. Die empfindliche Nase des Königs ist übrigens bekannt. So wies er einmal seine Schwägerin, die gute Liselotte, hinaus, weil die Dame so exorbitant nach Schweiß « duftete », dass der König wortwörtlich die Nase voll hatte. Sie hat nämlich in der Tat nicht allzu viel von Körperwäsche gehalten. Ich frage mich an dieser Stelle immer, wie ihre vorgeblichen Briefe zu dieser Meinungsbildung über ein gesamtes Jahrhundert beigetragen haben.
Nun, warum werden aber Absonderlichkeiten aufgezeichnet? Weil sie eben nicht normal waren. Normal wären sie gewesen, hätte man sich tatsächlich nicht gewaschen.

Aus mangelnder Hygiene resultierende Umstände wie zum Beispiel das Kindbett-Fieber sind eher Probleme des ausgehenden 18. und 19. Jahrhunderts.

Zu einem letzten Thema noch: im Barock wurde die Perücke nicht getragen, um fettige Haare zu verbergen, so etwas durfte ich auch schon lesen – langes Haar war schlicht und ergreifend ein Schönheitsideal, und wer keines mehr hatte, nahm eben das künstliche. Man erlaube mir, anzumerken, dass ich persönlich das ansprechender finde als diverse sogenannte Kurzhaarfrisuren. Das Pudern von Perücken ist ebenfalls dem 18., nicht den 17. Jahrhundert zuzuordnen, und hat auch hier nichts mit Hygiene-Vorstellungen zu tun, sondern mit einer gesellschaftlichen Bewegung, die im 18. Jahrhundert eine Rolle spielte: nämlich das zunehmende äußere Gleichmachen der Menschen und das Verbergen entsprechender Makel. Das Tragen weißer Perücke und das weiße Schminken des Gesicht macht beispielsweise die Bestimmung des Alters schwieriger.

Die mangelnde Bereitschaft zur Körperwäsche ist also ein Gerücht.

Ich gehe noch einen Schritt weiter: ein barocker Mensch würde heutzutage wegen unserer Geruchsbelästigung umfallen. Deo. Shampoo. Künstliche Seife. Duschgel. Und mit all dieser Künstlichkeit machen wir genau das, wovor die Griechen immer gewarnt haben: das Zerstören der guten Bakterien und das Begünstigen von Krankheiten. Dass diverse Stoffe in unseren schönen Produkten krebserregend sind, lassen wir einmal dahingestellt. Da stellt sich mir tatsächlich die Frage, welche Zeit hier eigentlich verrückt ist.

Noch eine Abschluss-Anmerkung: ich mache sowohl meine Seife als auch mein Shampoo selbst. Und ja, ich wasche mich regelmäßig. Und nein, ich stinke nicht. Denn mir sind sowohl Körperhygiene als auch -reinigung sehr wichtig.

Ich glaube, in einer weiteren Artikel werde ich mich dem Thema Toiletten im Barock widmen. Nein, man hat im Schloss nicht in die Gänge… Sie wissen schon. So etwas taten nur ganz unangenehme Zeitgenossen. Und solche Ferkel gibt es heute leider auch noch.