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Über Geschichte zu schreiben, zumindest, wenn man nicht aus der Wikipedia abschreiben möchte, ist schwierig. Da fehlen verschiedene Quellen, manchmal widersprechen sie sich, es ist gar nicht klar, ob sie überhaupt echt sind. Oder sie liegen in einer Fremdsprache vor, die man selbst nicht versteht und ist auf die Übersetzung angewiesen, bei der man dann nicht überprüfen kann, ob sie korrekt ist. Oder es ist einfach Auslegungssache, weil die geschriebene Sprache bisweilen mehrere Deutungen zulässt. Die Bibel ist ein prominentes Beispiel.

Die größere Problematik sehe ich allerdings an anderer Stelle. Häufig wird Geschichte mit unseren eigenen Kenntnissen und unseren eigenen Mitteln bewertet. Da wird versucht, das Leben eines Menschen in der Antike nachzuvollziehen, und bedauert ihn, dass er sein Wohnzimmer nicht mit einer schönen modernen Heizung wärmen konnte. Oder irritieren uns über das Tragen von Korsetts, weil wir uns das sogar nicht mehr vorstellen können, und weisen auf die gesundheitlichen Schäden hin. An der Stelle sehe ich immer vor mir, wie in 200 Jahren ein Historiker auf die extrem enganliegenden Jeans für Männer hinweist, die heutzutage Mode sind, und vielleicht sogar auf dieser Basis den Schwund das Nachwuchs begründet.
Hat ein Mensch in der Antike wirklich die Heizung vermisst? Oder unterstellen wir das, weil wir sie vermissen würden?

Zahnbürsten sind seit dem 18. Jahrhundert in Mode. Automatisch gehen viele heutzutage davon aus, man habe sich nicht die Zähne geputzt. Unsinn, es gab Zahnpulver, und ich wage zu behaupten, dass das sicherlich gesünder als diverse Pasten war, die man im Handel kaufen kann. Vielleicht finden folgende Generationen unsere Gebräuche unhygienisch, weil man in 200 Jahren die Zähne sauberlasern kann. Oder austauschen – aus einem netten kleinen Zahnset, so ähnlich wie künstliche Fingernägel.

Was ich damit sagen will: ich denke, man muss versuchen, Geschichte so zu schreiben, wie sie die Menschen, denen sie widerfahren ist, erlebt und gedacht haben. Dieser Beitrag hier entsteht inspiriert durch ein gestriges Gespräch mit einer lieben Facebook Freundin, in dessen Verlauf wir auf die königliche Zahnoperation zu sprechen kam, die Louis XIV nicht nur seine Zähne, sondern auch seinen Gaumen gekostet hat. Von den Schmerzen, die er aushalten musste, will ich gar nicht reden, aber ich kann mir definitiv vorstellen, dass es für einen Mann mit Sinn für Ästhetik und Stil furchtbar gewesen sein muss, weiterhin öffentlich die Mahlzeiten einnehmen zu müssen und genau zu wissen, dass der Wein gleich zur Nase wieder herausläuft – aber das Volk will seinen König essen sehen, also isst man, und zwar mit Haltung.

Erschreckend ist für mich, dass diese Episode zum einen Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat, denn ich persönlich finde das Interesse an solch vollkommen unwichtigen Dingen absolut absurd. Das will nichts heißen, ich finde auch die Regenbogenpresse absurd. Aber offensichtlich macht es manchen Menschen Freude, sich an solche Dingen zu delektieren – und die Kommentare, die man dann lesen muss, sind dann tatsächlich schmerzhaft. Da wird sich lustig gemacht, amüsiert, alberne Witze gerissen, ohne zu bedenken, dass wir es hier mit einem Menschen aus Fleisch und Blut zu tun haben, mit Gefühlen, Stärken, Schwächen, mit Empfindungen, die Spuren hinterlassen. Mit Menschen, die zu ihrer Zeit das bestmögliche mit den besten möglichen Mitteln getan haben, und natürlich Kinder ihrer Zeit waren und in diesem Bewusstsein gehandelt und agiert haben. Eine historische Person ist keine abstrakte Gestalt. König und Königinsind beispielsweise Eltern, haben Kinder zur Welt gebracht und sie auch wieder begraben. Ein großer Unterschied liegt darin, dass man von ihnen erwartet hat, trotzdem ihren Job zu tun.

Hinzu kommt die Problematik der Bewertung. Dass Geschichte immer von Interessen gefärbt ist, darüber habe ich schon berichtet. Die deutsche Wikipedia beurteilt den sogenannten pfälzischen Erbfolgekrieg beispielsweise anders als die französische – und die Wikipedia sollte man in dieser Hinsicht ohnehin mit Vorsicht genießen. Doch mir hat sich die Frage gestellt: hätte sich der König tatsächlich für diesen Schritt entschieden, wenn er gewusst hätte, dass der Krieg ein Jahrzehnt dauern würde? Das konnte er nicht wissen. Als sich der Krieg abzeichnete, saß in England noch ein Stuart auf dem Thron. Frankreich hatte einen Verbündeten. Dann wurde dieser vertrieben, und mit Oranje folgte ihm einer der Erzfeinde Frankreichs nach. Die Situation war plötzlich eine vollkommen andere. Die Karten waren neu gemischt, und Frankreich musste mit der neuen Situation fertig werden.

Ebenso wenig konnte meine Protagonistin wissen, dass ihr Kloster-Aufenthalt eben nicht lebenslänglich bedeuten würde. Als sie gezwungen worden war, sich dorthin zurück zu ziehen, musste sie aber davon ausgehen – davon ausgehen, den Geliebten nicht wiederzusehen, hinnehmen, ihre Kinder zurückzulassen.

Genau so versuche ich, an die Sache heranzugehen. Mich in die Situation fallen zu lassen. Das auszublenden, was später geschah. Und auf dieser Basis erzähle ich dann. Denn diesen Anspruch an mein Schreiben habe ich: die Geschichte so zu erzählen, wie meine Protagonisten sie erlebt und gedacht haben, mit ihrem Wissen und ihren Kenntnissen, mit Blick von der Gegenwart in die Zukunft, nicht mit Blick aus der Gegenwart in die Vergangenheit. Und ich erlaube mir, Gefühle zuzulassen. Dieses war einer meiner Entscheidungen, aus einer Biografie einen Roman zu machen. Denn das dürfen meine Protagonisten da: Gefühle haben.