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Mes chers,

Ich nehme via Facebook an der wunderbaren Gruppe Autoren_Netzwerk Teil. Dies ist natürlich auch im Internet vertreten: Autoren im Netzwerk.

Dort kann jeder Autor, wenn er möchte, an einem bestimmten Tag die Geschichte des Tages einbringen. Dieses hier ist die meine. Natürlich bleibe ich meinem Thema treu, sie ist historisch.

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«Still, hörst du, es ist absolut notwendig, dass du dich still verhältst.»
Der Junge nickt.
«Später», fährt seine Mutter fort, «kommen wir vielleicht weg von hier. Aber nicht mehr im Augenblick. Sie dürfen nichts merken», flüstert sie drängend, «wir alle sind in Gefahr, verstehst du?»
Er nickt erneut. Er ist zehn Jahre alt, aber er hat bereits einiges erlebt in seinem jungen Leben.
Sein Vater ist gegangen, vor sechs Jahren schon, und er trägt schwer an der Bürde, die ihm hinterlassen wurde. Sein Bruder, zwei Jahre jünger, wie gern wäre er manchmal wie er! Etwas unbeschwerter, vielleicht auch leichtfertiger, aber es ist unmöglich.
«Hast Du genau verstanden?», flüstert seine Mutter. «Sie dürfen nichts merken.»
Er nickt erneut.
Sie seufzt, zieht die Decke über das Kind. Sie lauscht. Diejenigen, die sie warnten, haben Recht behalten. Der Tumult draußen wird lauter. Die Flucht ist nicht mehr gelungen.
Sie setzt sich an den Kamin, still, wartend. Sie werden kommen, das weiß sie.
Plötzlich fliegt die Tür auf, Männer mit Fackeln stürmen in den spärlich erleuchteten Raum.
Die Frau erhebt sich, innerlich bebend, äußerlich gefasst. Das hier muss sie alleine durchstehen. Ihr Ehemann, auch hier ein Geheimnis, ist auf Reisen, im verzweifelten Versuch, die Lage zu verbessern. Nur wenig nagt in ihrem Hinterkopf die Frage nach ihrer eigenen Schuld.
«Wir wollen ihn sehen!», schleudert ihr der Anführer entgegen.
«Wo ist er?»
Mit aller Macht beherrscht sie sich. Sie legt den Finger an die Lippen.
«Was glaubt Ihr, was ein Junge von zehn Jahren im Augenblick tut?», herrscht sie den Mann an. «Er schläft.»
Nur wenig forscher als zuvor wenden sich die Männer dem Bett zu. Die Mutter des Jungen unterdrückt einen erschreckten Aufschrei, als der Anführer unsanft das Deckbett zurückschlägt.

Ich habe Angst. Blanke, nackte Angst. Darf ich das denken? Ist es mir erlaubt, zu denken, dass ich Angst habe? Ich muss stark sein, das sagen sie mir immer alle. Weil ich ein Junge bin, weil ich bin, was mein Vater war. Aber ich bin doch auch ein Kind. Ich bin zehn Jahre alt, ich liege hier und habe Angst. Sie dürfen nicht merken, dass ich wach bin. Sie dürfen nicht merken, dass ich vollständig bekleidet bin. Sie dürfen nicht merken, dass mir mein Herz bis zum Hals schlägt. Und neben der Angst bin ich wütend, wütend, wütend! Was tun sie? Warum tun sie das? Hassen sie mich? Hassen sie Maman? Monsieur Pierre versicherte mir jeden Tag aufs Neue, dass nicht ich es bin, dem sie an den Kragen wollen, aber dem Mann, der nun auf dem Weg nach Köln ist. Warum aber stehen sie nun um mein Bett herum, starren auf mich herab und warten, dass ich etwas Falsches tue? 

Der Anblick des schlafenden Jungen scheint den Anführer zu beruhigen. Er dreht sich um, sagt, etwas einfältig, zu seinen Gefolgsleuten:
«Er ist hier. Er schläft.»
Langsam wenden sich die Männer um, verlassen das Gemach, wesentlich leiser als sie zuvor mit ihren trampelnden Stiefeln eingedrungen sind. Ihre Schritte verhallen auf der Treppe.
Die Mutter des Jungen atmet erleichtert auf. Lange Zeit hört man nichts, lediglich die Atemzüge des Jungen und seiner Mutter. Sie spricht nicht mit ihm, viel zu verstrickt ist sie in ihre eigenen Gedanken.
«Hoffentlich», fährt es ihr durch den Kopf, «haben sie das Gefährt an der Hintertür nicht gesehen. Haben die Vorbereitungen nicht bemerkt.»
Die Glocken von Saint Germain l’Auxerrois zeigen die nächste volle Stunde an.
Leise tritt die Frau an das Bett ihres Sohnes.
«Es ist Zeit.»
Keine unnötigen Worte.
Er schläft ohnehin nicht. Leise erhebt er sich, während seine Mutter das kleine Gefolge zusammentrommelt.
Die langen Wege bis zur kleinen Pforte sind eine Qual. Kein Geräusch. Schwierig auf diesen Stufen mit seinen zertretenen Stiefeln und der genagelten Sohle. Für neue ist kein Geld da.
Endlich, endlich! Nun gilt es nur noch, sich unauffällig zu entfernen. Und das neue Domizil zu erreichen.
Langsam rollt die Kutsche aus dem nächtlichen Paris, Dem kleinen Ort Saint Germain on Laye entgegen. Es ist eine lange Fahrt, beschwerlich, und immer die Angst, es kann jemand erkennen, wer sich in dieser Kutsche befinde.
Dann die Ankunft. Fensterscheiben sind zu Bruch gegangen, dort, wo lange niemand mehr weilte. Es ist kein Holz für Feuer da, aber die Nacht ist kalt. Der Wind pfeift durch die Gemächer, aber es ist kein Holz für Feuer da.
Der Junge tritt an eines der unversehrten Fenster. Er sieht hinaus. Nun, wo die Angst ausgestanden ist, knurrt sein Magen. Hunger, immer dieser schreckliche Hunger, denn es ist nicht einfach, alle Mäuler satt zu bekommen.
Dort drüben, dort befindet sich die Hauptstadt. Seine Hauptstadt, in der er nicht mehr erwünscht ist.
Und nun endlich, da er alleine ist, dann niemand ihn mehr beobachtet, erlaubt er sich einen großen Luxus und beginnt zu weinen.
Eines Tages wird er frohen Herzens in seine Hauptstadt zurückkehren können. Eines Tages werden sie ihn lieben können. Das weiß er.
Die Geschichte, die erzähle, ist, wie immer, wenn ich über Geschichte erzähle, keine erfundene. Die Begebenheit hier hat sich zugetragen, im Jahre 1648 in Paris. Die als Fronde bekannte Revolution gegen die Regentin und ihren Premierminister, der ihr heimlicher Ehemann war, führte zur oben geschilderten Begebenheit und zur Flucht des Königs, der zum Zeitpunkt des Geschehens zehn Jahre alt war.

Die Mutter ist Anne d’Autriche, der Premierminister Jules Cardinal de Mazarin. Der König ist Louis XIV.